Kapitel 8 - Die wahre Heimkehr
Das Licht im Grimoire wurde schwächer.
Die Bilder der Vergangenheit begannen zu verblassen. Die Burg versank im Nebel, das Meer verstummte, und Aileas’ Hütte löste sich in goldenem Staub auf.
Ich spürte, wie ich zurückkehrte.
Unter meinen Händen lag wieder der steinerne Tisch im Studierzimmer der Mondhexen. Der Geruch von Wachs, Kräutern und altem Leder verdrängte langsam die feuchte Luft des Moores.
Die Ältesten standen noch immer im Raum.
Für sie waren offenbar nur wenige Augenblicke vergangen. Für mich fühlte es sich an, als hätte ich viele Jahre durchschritten.
„Was hast du gesehen?“, fragte die älteste Mondhexe.
„Aileas.“
Mehr konnte ich zunächst nicht sagen.
Die Älteste legte mir den Umhang um die Schultern.
Als der Stoff mich berührte, erschien vor meinem inneren Auge noch einmal das Moor.
Doch diesmal ging Aileas nicht von der Burg fort.
Sie kehrte zurück.
Der Nebel teilte sich vor ihr. Das Burgtor stand offen. Auf dem Weg wartete der alte Highlander und neigte vor ihr das Haupt.
Aileas blieb vor ihm stehen.
Lange sahen sie einander an.
Dann nahm sie seine Verbeugung an und ging durch das Tor.
Das war die wahre Heimkehr.
Nicht meine Rückkehr aus der Vision, sondern die Heimkehr jener Frau, die vor Jahrhunderten aus der Gemeinschaft gedrängt worden war.
Die Älteste der Mondhexen betrachtete das geschlossene Buch.
„Was in der Vergangenheit geschehen ist, kann nicht verändert werden“, sagte sie. „Aber eine Wahrheit, die wiedererkannt wird, verliert ihre Macht, im Verborgenen weiterzuwirken.“
Auf dem Einband des Grimoires glomm das Zeichen der Heilerin auf.
Ein leiser Segen.
Ein stilles Versprechen.
Etwas war beendet.
Und etwas anderes hatte gerade erst begonnen.
⸻
Ich legte meine Hand noch einmal auf das Grimoire.
Die Seiten waren wieder leer. Keine Runen, keine Bilder, kein Hinweis mehr auf das, was sie mir gezeigt hatten.
Doch ich war nicht mehr dieselbe Frau, die das Buch geöffnet hatte.
Nun verstand ich, weshalb der alte Highlander mich damals so angesehen hatte. Er hatte meine Geschichte gekannt, bevor ich selbst von ihr wusste.
Er hatte gewusst, warum ich den Umhang erhalten musste.
Nicht als Auszeichnung.
Nicht als gewöhnliches Geschenk.
Sondern als Erinnerung an etwas, das nicht länger vergessen bleiben durfte.
Unter meiner Hand spürte ich noch einmal den langsamen Herzschlag des Buches.
Einmal.
Dann ein zweites Mal.
Danach wurde es still.
Die Älteste trat neben mich.
„Das Grimoire wird sich für dich wieder öffnen, wenn seine Zeit gekommen ist.“
„Gibt es noch mehr, das ich erfahren muss?“
„Es gibt immer mehr. Aber Wissen, das zu früh gegeben wird, ist keine Hilfe. Es wird zur Last.“
Sie schloss die silbernen Verschlüsse.
„Was geschieht nun mit dem Buch?“
„Es bleibt hier.“
„Und Aileas?“
Die Älteste sah mich an.
„Sie bleibt nicht in diesem Buch. Sie lebt dort weiter, wo ihre Geschichte erkannt wurde.“
Ich legte meine Hand auf mein Herz.
Tief in mir glomm etwas.
Keine Flamme, die verbrannte.
Eine ewige Glut.
Ich hatte das Buch geschlossen.
Doch in mir hatte sich etwas geöffnet, das sich nicht mehr schließen ließ.


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