Kapitel 5 - Das Grimoire
Die Tür öffnete sich langsam.
Zu langsam.
Dahinter lag ein Raum, den ich noch nie betreten hatte.
Er war kleiner, als ich erwartet hatte. Dunkle Regale bedeckten die Wände. Darin standen alte Bücher und gebundene Handschriften, dicht aneinandergereiht wie stumme Zeugen. Manche Einbände waren vom Alter so stark gezeichnet, dass keine Schrift mehr darauf zu erkennen war. Andere schienen ihre Beschriftung absichtlich verborgen zu halten.
In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Holztisch.
Darauf lag ein einziges Buch.
Ich blieb stehen.
So oft hatte ich seinen Namen gehört. Seit meiner Initiation wusste ich, dass es existierte. Doch selbst innerhalb der Mondtradition wurde nur selten darüber gesprochen.
Nie länger als nötig.
Nie ohne gesenkten Blick.
Nun lag es vor mir.
Das Grimoire.
Das Buch der ewigen Geheimnisse.
Die Älteste ging an mir vorbei und blieb neben dem Tisch stehen.
„Komm näher.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ich trat über die Schwelle.
Hinter mir schloss sich die Tür.
Das Geräusch des Schlosses war leise, aber endgültig.
Mit einem Mal war die Welt außerhalb dieses Raumes verschwunden. Kein Laut drang herein. Kein Wind strich durch die Ritzen. Selbst das Haus schien den Atem anzuhalten.
Nur die Kerzen brannten.
Ihr Licht fiel auf einen großen, dunklen Ledereinband. Das Alter hatte Spuren hinterlassen: feine Risse, abgeriebene Kanten, Stellen, an denen unzählige Berührungen das Leder geglättet hatten. Doch unter dieser Abnutzung lag etwas, das nicht alt wirkte.
Etwas, das wartete.
Zwei schwere Verschlüsse hielten das Buch geschlossen.
Ich trat näher.
Da bemerkte ich etwas.
Der Einband bewegte sich.
So wenig, dass ich zunächst glaubte, das flackernde Kerzenlicht täusche mich.
Doch dann geschah es wieder.
Das Leder hob sich kaum merklich und sank zurück.
Ich hielt den Atem an.
Wieder dieselbe Bewegung.
Langsam und gleichmäßig, beinahe wie der Atem eines schlafenden Wesens.
Oder wie der Atem von etwas, das nur so tat, als würde es schlafen.
Ich sah zur Ältesten.
Sie beobachtete nicht das Buch.
Sie beobachtete mich.
„Was ist das?“, fragte ich leise.
„Bleib stehen.“
Mehr sagte sie nicht.
Also wartete ich.
Je länger ich dastand, desto schwerer wurde es, mich zu bewegen. Meine Arme fühlten sich fremd an. Meine Finger kribbelten. Nach einer Weile bemerkte ich, dass mein Atem ruhiger geworden war.
Nicht von selbst.
Ohne es zu wollen, atmete ich im Rhythmus des Buches.
Dann spürte ich meinen Herzschlag.
Langsam.
Schwer.
Im selben Takt.
Ich legte die Hand auf meine Brust.
Das konnte nicht sein.
Ich versuchte bewusst, anders zu atmen. Für einige Sekunden gelang es mir. Dann zog sich meine Brust wieder zusammen, und mein Körper fand zu diesem fremden Rhythmus zurück.
Ein leises metallisches Klicken ließ mich aufsehen.
Der erste Verschluss hatte sich geöffnet.
Die Älteste bewegte sich nicht.
Ihr Blick blieb auf mir gerichtet.
Dann sprang der zweite Verschluss auf.
Die Kerzenflammen neigten sich gleichzeitig zum Tisch, als würde ein unsichtbarer Atem über sie hinwegstreichen.
Das Grimoire öffnete sich.
Keine Hand berührte es.
Die Seiten blätterten langsam vor meinen Augen vorbei. Vergilbtes Papier. Fremde Zeichen. Zeichnungen, die sich am Rand meines Blickfelds bewegten und wieder verschwanden, bevor ich sie erkennen konnte.
Einige schienen sich zu verändern, während ich sie ansah.
Dann hielten die Seiten inne.
Vor mir lag ein leeres Blatt.
Ich wartete.
Nichts geschah.
Die Stille wurde so dicht, dass ich meinen eigenen Herzschlag hörte.
Dann erschien auf dem Papier ein schwacher goldener Schimmer.
Feine Linien entstanden, zunächst ohne erkennbare Ordnung. Sie krochen über das Blatt, verzweigten sich und verbanden sich miteinander. Schließlich wurden sie zu fremden Zeichen.
Ich kannte diese Schrift nicht.
Trotzdem verstand ich sie.
Nicht Wort für Wort. Die Bedeutung war einfach da, vollständig und unmittelbar, als hätte ich mich an etwas erinnert, das ich niemals gelernt hatte.
„Suche nicht nach dem Clan. Suche nach der Frau, die vor dir dort war.“
Ich las den Satz noch einmal.
Der Clan.
Schottland.
Der alte Highlander.
Und die Frau.
Mein Blick blieb auf den letzten Worten liegen.
Die vor dir dort war.
Hinter mir knackte etwas.
Ich fuhr herum.
Die Regale standen still. Die Schatten zwischen den Büchern nicht.
„Kannst du es lesen?“
Ich wandte mich zur Ältesten.
„Ja.“
Sie schwieg.
Etwas in ihrem Gesicht hatte sich verändert. Zum ersten Mal wirkte sie nicht sicher, was als Nächstes geschehen würde.
„Was?“
Sie sah auf das Grimoire.
„Es zeigt seine Worte nicht jedem.“
Ihre Stimme klang jetzt rauer.
Mehr sagte sie nicht.
Die goldenen Zeichen begannen bereits zu verblassen.
An ihrer Stelle erschien ein dunkler Fleck auf dem Papier.
Er breitete sich aus.
Nicht wie Tinte.
Eher wie ein Schatten, der von unten durch die Seite drang.
Konturen entstanden. Niedrige Gräser, dunkles Wasser, ein weiter Himmel.
Eine Moorlandschaft.
Ich beugte mich über die Seite.
Etwas bewegte sich darin.
Zuerst hielt ich es für einen Schatten. Dann erkannte ich Nebel, der langsam zwischen den Gräsern hindurchzog.
Er bewegte sich gegen den Wind.
Ich kam noch näher.
Ein Windstoß strich über mein Gesicht.
Ich fuhr zurück.
Im Raum bewegte sich nichts.
Die Kerzen brannten ruhig.
Die Luft war vollkommen still.
Wieder spürte ich Wind.
Diesmal roch ich ihn auch.
Feuchte Erde.
Wasser.
Heidekraut.
Und darunter etwas Metallisches, Süßliches, das ich nicht benennen konnte.
Ich sah auf die Seite.
Der Nebel hatte den Rand des Bildes erreicht.
Er hielt dort nicht inne.
Er floss darüber hinweg.
Über das Papier.
Über den Einband.
Auf den Tisch.
Ich wich zurück, doch der Nebel sank bereits zu Boden und breitete sich um meine Füße aus. Er war kalt. Nicht nur auf meiner Haut. Die Kälte drang tiefer, bis in meine Knochen.
„Was geschieht mit mir?“
Die Älteste stand noch immer neben dem Tisch.
Ihre Gestalt wurde undeutlich.
Nicht, weil der Nebel sie verhüllte.
Es war, als würde sie langsam aus der Welt gedrängt.
„Sieh hin, Susanne.“
Das waren ihre letzten Worte, die ich klar verstand.
Die Regale verschwanden im Nebel.
Das Kerzenlicht erlosch.
Ich hörte Wasser.
Das Rascheln von Gras.
Ein fernes Knacken, als würde irgendwo ein Ast unter einem Schritt brechen.
Irgendwo über mir rief ein Vogel.
Die Antwort blieb aus.
Dann gab der Boden unter meinem Fuß leicht nach.
Ich blickte hinunter.
Dunkle Erde.
Feucht und weich.
Sie schloss sich um meine Schuhsohle, als wollte sie mich festhalten.
Ein paar Schritte entfernt wuchs Heidekraut.
Die Halme bewegten sich, obwohl kein Wind ging.
Erst jetzt wagte ich aufzusehen.
Das Studierzimmer war verschwunden.
Vor mir erstreckte sich das Moor bis zum Horizont.
Nebel zog über das Land und verbarg, was dahinterlag. In der Ferne ragten schwarze Pfähle aus dem Wasser. Oder waren es Bäume? Ich konnte es nicht erkennen.
Und weit draußen, kaum mehr als ein Schatten, stand eine Frau.
Sie bewegte sich nicht.
Trotzdem wusste ich, dass sie mich ansah.
LIch konnte ihr Gesicht nicht erkennen.
Je länger ich sie betrachtete, desto weniger sicher war ich, ob dort überhaupt ein menschlicher Körper stand. Der Nebel schien sich um sie zu sammeln, als würde er nicht durch sie hindurchziehen, sondern von ihr ausgehen.
Dann hob sie langsam den Kopf.
Nicht zu mir.
Zum Himmel.
Über dem Moor verdunkelte sich der Nebel, und irgendwo in der Ferne begann etwas zu atmen.
Ich wollte zurückweichen.
Doch hinter mir war kein Raum mehr.
Nur Wasser.
Und aus dem Nebel kam eine Stimme, die meinen Namen kannte.
„Susanne.“
.



Kommentare
Kommentar veröffentlichen