Kapitel 2 - Die Frau aus dem Nebel


Nach meiner Rückkehr aus Schottland ließen mich die Ereignisse dort nicht mehr los.

Immer wieder erschien der alte Highlander vor meinem inneren Auge. Ich hörte seine gälischen Worte, obwohl ich ihre Bedeutung nicht verstand, und erinnerte mich an seinen Blick, an jenen kurzen, verstörenden Moment, in dem es schien, als hätte er mich erkannt.

Dann dachte ich an den Umhang, den er mir anvertraut hatte: den schweren Stoff, die silberne Schließe und die feinen Zeichen, deren Bedeutung sich mir entzog.

Doch nichts beschäftigte mich so sehr wie der Brief.



Darin stand ein Name, den ich noch nie zuvor gehört hatte:

Aileas nam Mòinteach.

Wer war diese Frau? Warum war ihr Name in einem Brief aufgetaucht, der offenbar mit den Ereignissen in Schottland zusammenhing? Und weshalb hatte ich das Gefühl, ausgerechnet ich müsse herausfinden, was sich dahinter verbarg?

Zunächst versuchte ich, diese Gedanken beiseitezuschieben. Ich redete mir ein, die Fragen würden mit der Zeit verblassen.

Doch das Gegenteil geschah.

Dann kamen die Träume.

Anfangs waren es nur einzelne Bilder.

Nebel.

Nasses Gras.

Ein dunkler Himmel über einer weiten Moorlandschaft.

Nacht für Nacht wurden die Bilder deutlicher, bis sich schließlich eine ganze Szene vor mir ausbreitete.

Ich stand mitten im Moor.

Kalter Regen hing wie feiner Staub in der Luft und legte sich auf meine Lippen, salzig und bitter zugleich. Unter meinen Stiefeln gab der schwarze Boden nach. Wasser quoll zwischen den Halmen hervor und sickerte durch das Leder. Der Wind strich durch das hohe Gras und trug den dumpfen Geruch von Torf, nasser Heide und fernem Rauch zu mir herüber.

In einiger Entfernung erkannte ich eine Frau.

Sie trug einen dunklen Umhang, dessen schwerer Stoff im Wind flatterte. An den Säumen glänzten Regentropfen wie winzige Glassplitter. Unter der Kapuze quollen einzelne Strähnen silbergrauen Haares hervor. Ihr Gesicht blieb im Schatten verborgen.

In ihren Händen hielt sie ein Bündel Kräuter. Die Blätter waren feucht und glänzten im fahlen Licht. Einige erkannte ich aus alten Zeichnungen, die ich bei meinen Nachforschungen gesehen hatte: Heide, Beifuß und eine Pflanze mit schmalen, silbrigen Blättern.

Als der Wind zu mir herüberwehte, nahm ich ihren bitteren, erdigen Duft wahr.

Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Trotzdem hatte ich das merkwürdige Gefühl, sie zu kennen.

Dann erinnerte ich mich an das Bild in der Burg der MacLeods. An das geheimnisvolle Bild der Heilerin, das bei meiner Berührung aufgeleuchtet hatte.

Je länger ich die Frau im Nebel betrachtete, desto stärker wurde dieses Gefühl.

War sie die Frau auf dem Bild?

Sie sagte nichts.

Doch ihr Blick schien mich zu erreichen, obwohl ich ihre Augen nicht sehen konnte.

In der Stille hörte ich das Tropfen des Regens, das Rascheln der Kräuter und meinen eigenen Herzschlag. Für einen Moment glaubte ich, im Wind meinen Namen zu hören, ausgesprochen mit einer Stimme, die zugleich fremd und vertraut klang.

Sie stand einfach dort und sah mich an.

Dann hob sie langsam den Arm und deutete durch den Nebel.

Der Ärmel glitt zurück. An ihrem Handgelenk kam ein schmales, verblasstes Band zum Vorschein, in den Farben des Clan MacLeod.

Dort, kaum sichtbar, zeichneten sich die Mauern einer Burg ab.

Dunvegan Castle.

Ein fahles Licht lag auf den Türmen.

Die Frau wandte den Kopf zur Burg. Einen Moment verharrte sie so. Dann sah sie wieder zu mir und presste die Kräuter an ihre Brust.

In diesem Augenblick wachte ich h

Ich lag in meinem Bett in Frankfurt. Das Zimmer war dunkel und vollkommen still.

Doch auf meiner Zunge lag noch der bittere Geschmack von Beifuß.

An meinen Händen haftete der Geruch feuchter Erde.

Das Bild der Frau war geblieben.

Und mit ihm die Frage, die mich von da an nicht mehr losließ:

Wer war die Frau aus dem Nebel?

Tief in mir spürte ich noch etwas anderes.

Sie erwartete mich.

Der Name kehrte immer wieder zurück, besonders in den Augenblicken zwischen Schlaf und Erwachen.

Aileas nam Mòinteach.

Mit jedem Tag wuchs meine Gewissheit, dass der Brief, der Umhang und der Blick des Highlanders miteinander verbunden waren.

Nur wusste ich nicht, wie.

Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich allein keine Antworten finden würde.

Meine Gedanken wanderten zu den Mondhexen und ihrem Grimoire, dem Buch der ewigen Geheimnisse.

Schon lange vor meiner Reise nach Schottland war ich in ihre Gemeinschaft aufgenommen worden. Noch heute erinnere ich mich an jene Vollmondnacht, als wäre sie erst gestern gewesen.

Auf einer abgelegenen Waldlichtung bildeten die Mondhexen einen Kreis um mich. Ich kniete in seiner Mitte, während silbernes Mondlicht zwischen den Bäumen hindurch auf den Waldboden fiel.

Die Nacht war still.

Zu still.

Kein Wind bewegte die Zweige. Kein Tier war zu hören. Nur das fahle Licht des Mondes lag auf den Gesichtern der Frauen, die über meine Aufnahme entscheiden würden.



Ich empfand keine Angst. Stattdessen erfüllte mich tiefe Demut vor ihnen und vor dem, was gleich geschehen sollte.

Eine nach der anderen hob die Hände.

Niemand sprach.

Zunächst geschah nichts.

Dann begann sich zwischen ihren Handflächen ein silbriger Schimmer zu sammeln. Anfangs war er so schwach, dass ich ihn beinahe für eine Täuschung hielt.

Doch das Licht wurde stärker.

Von jeder Hand ging eine sanfte Energie aus. Die einzelnen Ströme bewegten sich auf mich zu, vereinigten sich und bildeten einen leuchtenden Schleier, der sich langsam um meinen Körper legte.

Ich wagte kaum zu atmen.

Der Schleier wurde dichter. Der Wald trat in den Hintergrund, die Bäume verschwammen, selbst die Frauen schienen hinter dem Licht zurückzuweichen.

Dann berührte die Energie meine Haut.

Sie war warm, obwohl die Nachtluft kühl war.

Langsam drang sie tiefer.

Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als würde etwas in mir geprüft, das sich den Blicken der Frauen nicht entziehen konnte. Jeder Gedanke, jede Erinnerung, jede Unsicherheit schien offen vor ihnen zu liegen.

Ich konnte nichts verbergen.

Dann erreichte mich ihre Entscheidung.

Sie hatten mich für würdig befunden.

Ich durfte eine der Ihren werden.

Dankbarkeit erfüllte mich. Zugleich begriff ich die Bedeutung dieses Augenblicks. Nur selten wurde eine Hexe für die Mondtradition erwählt. Diese Entscheidung war kein Geschenk, das man leichtfertig annahm.

Sie war ein Versprechen.

Als ich die Lichtung später verließ, war ich äußerlich dieselbe Frau wie




Innerlich jedoch hatte sich etwas grundlegend verändert.

Viele Jahre später, nach meiner Rückkehr aus den Highlands, verstand ich, warum die Erinnerung an jene Nacht wieder so lebendig geworden war.

Wir Mondhexen sind auf besondere Weise miteinander verbunden. Diese Verbindung reicht über Entfernungen und Jahre hinweg. Wenn eine von uns den Rat ruft, spüren es die anderen.

Bisher hatte ich diese Verbindung nie bewusst in Anspruch genommen.

Nun brauchte ich ihre Hilfe.

Mein Blick fiel auf den Umhang, der vor mir lag. Meine Hand glitt über den schweren Stoff und blieb an der silbernen Schließe hängen.

Ich nahm sie ab und drehte sie langsam zwischen den Fingern.

Die feinen Zeichen im Metall waren kaum zu erkennen.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Mein Blick wanderte zum Schreiben.

Aileas nam Mòinteach.

Der Name schien im Raum nachzuklingen, obwohl ich ihn nicht ausgesprochen hatte.

In mir regte sich der Ruf des Rates.



Kein hörbarer Laut, kein Befehl. Nur ein vertrautes Ziehen, das aus einer Tiefe kam, die ich nicht erklären konnte. Es wurde stärker, je länger ich zögerte.

Plötzlich wusste ich, dass ich nicht länger warten durfte.

Ich würde den Mondhexen den Umhang und die Schließe zeigen und ihnen vom alten Highlander erzählen: von seinen gälischen Worten, seinem Blick und dem merkwürdigen Gefühl, dass er in mir jemanden erkannt hatte.

Auch die Spur aus dem Brief würde ich ihnen vorlegen.

Vielleicht konnten sie erkennen, was mir verborgen blieb. Vielleicht wussten sie, wer diese Frau war und warum ihre Spur ausgerechnet jetzt in mein Leben getreten war.

Mein Entschluss stand fest.

Ich würde den Rat der Mond-Tradition  angerufen



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